Behind The Story
An die siebzig Weingüter in ganz Europa habe ich über mehrere Jahre hinweg bereist, zusammen mit den Redakteuren der Zeit für deren Weinführer. Es war eine Reise durch Landschaften, Kontraste und Mikroklimata. Wir standen im kühlen, steilen Schiefer der Mosel, wo die Riesling-Reben um jeden Sonnenstrahl kämpfen und diese messerscharfe, mineralische Säure ausbilden. Wir fuhren durch die sanften, winddurchblasenen Hügel der Steiermark mit ihrem wechselhaften Klima, wo der Sauvignon Blanc eine ganz eigene, kräutrige Eleganz entwickelt. Wir erkundeten die kalkhaltigen Böden der Champagne und die sonnenverbrannte, karge Erde der Rioja, wo die Tempranillo-Traube in der Hitze ihre dichte, dunkle Beerenfrucht und das massive Gerüst für jahrelange Holzfassreifung sammelt.
Und wir landeten schließlich im Süden Siziliens, am Fuße des Ätna. Auf den schwarzen Vulkanböden wachsen Reben wie der Nerello Mascalese unter einer glühenden Sonne, während die kühlen Nächte des Berges die Frische in den Trauben bewahren. Dort speisten wir einmal mit einem Grafen auf seinem Gut – aristokratische Gastfreundschaft im Schatten des Vulkans.
Auf einem anderen Gut in Spanien drückte mir der Winzer zum Abschied persönlich eine Flasche in die Hand. Keine große Geste, einfach ein ehrliches Geschenk unter Menschen, die gutes Handwerk schätzen.
Zurück in Berlin saß ich am selben Abend mit meinem sehr guten Freund Holger beim Essen. Wir zogen den Korken, schenkten ein und genossen den Wein. Er war hervorragend – tief, dicht, perfekt ausbalanciert.
Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Mein Assistent war dran. „Weißt du eigentlich, was dir der Winzer da gestern geschenkt hat?“, fragte er ohne Umschweife. „Nein“, antwortete ich, „aber sie hat fantastisch geschmeckt.“ Ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Du hast da gestern Abend eine Flasche ausgetrunken, die online aktuell für 2.500 Euro gehandelt wird!“ Er konnte es kaum fassen. Ich musste lachen. Gewusst hatte ich es wirklich nicht. Aber eines war klar: Geschmeckt hat sie jeden einzelnen Cent.





















