Was ist aus dem Fotojournalismus geworden?
Schon 1977 schrieb Susan Sontag in Über Fotografie über die Bilder-Sucht der Industriegesellschaften. Damals gab es weder Instagram noch soziale Medien. Heute ist dieser Gedanke aktueller denn je.
Wir produzieren Bilder in unvorstellbaren Mengen. Jeder kann fotografieren, jeder kann ein gutes Bild machen. Jeder. Aber nicht jeder kann eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die Zusammenhänge sichtbar macht, die Tiefe entwickelt und Bilder schafft, die bleiben.
Die Demokratisierung der Fotografie ist ein Gewinn. Doch sie hat auch etwas entzaubert. Bilder werden geteilt, weitergeschickt und vergessen. Ihre schiere Menge macht sie verfügbar, aber nicht unbedingt bedeutungsvoller. Aufmerksamkeit ist zur knappen Ressource geworden.
Viele Fotografen, die einst Magazine geprägt haben, sind heute kaum noch sichtbar. Nicht unbedingt, weil sie schlechter geworden wären, sondern weil sich die Bedingungen verändert haben. Social Media beschleunigt den Bilderkonsum, Reichweite wird zum Maßstab. Zwischen wirtschaftlichen Zwängen, den Erwartungen der Bildredaktionen und dem Diktat der Seitenbauer bleibt oft wenig Raum für eine eigenständige fotografische Handschrift.
Dabei gab es diesen Zauber einmal. Die Vorfreude auf eine neue Ausgabe des Stern, auf GEO oder National Geographic. Große Namen, große Geschichten, Bildstrecken, in die man eintauchen konnte. Fotografie, die nicht nur zeigte, wie die Welt aussieht, sondern erzählte, wie sie sich anfühlt. Bilder durften wirken, Geschichten sich entfalten. Man schlug ein Heft auf und trat ein in eine andere Wirklichkeit.
Natürlich war früher nicht alles besser. Auch damals bestimmten wirtschaftliche Interessen und redaktionelle Konventionen, was veröffentlicht wurde. Doch es gab Räume, in denen fotografische Geschichten Zeit bekamen – und Fotografen die Möglichkeit, einen eigenen Blick zu entwickeln.
Heute sehen wir mehr Bilder als jemals zuvor und nehmen uns immer weniger Zeit, sie wirklich anzusehen. Gute Bilder gibt es überall. Ein eigener Blick, eine unverwechselbare Handschrift und die Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, bleiben selten.
Vielleicht ist das die eigentliche Krise des Fotojournalismus: nicht der Mangel an Bildern, sondern der Verlust der Aufmerksamkeit. Und mit ihr die Gefahr, dass jene Fotografen unsichtbar werden, die uns einst gelehrt haben, genauer hinzusehen.
Vielleicht ist nicht die Fotografie verschwunden. Vielleicht ist der Raum verschwunden, in dem sie ihre ganze Kraft entfalten konnte.